"Deutschland spielt wie Deutschland, langweilig, aber hartnäckig - Österreich nichts sagend und leicht zu vergessen." Mit Einschätzungen wie diesen wird sich der ausgemachte Real-Madrid-Fan Javier Marías sicher wenig Freunde in der europäischen Fußballwelt machen. Dass er aber den Spaniern das Vorhandensein eines
wieder erkennbaren oder markanten Stils gleich ganz abspricht, beweist, dass Marías den Fußball
nicht durch die nationalistische Brille betrachtet. Die Ausgewogenheit der "Fußball-Stücke" in Marías' literarischer Liebeserklärung an König Fußball ist eines der Vorzüge von "Alle unsere frühen Schlachten". Kurz vor dem Anpfiff zur Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz können sowohl Literatur-interessierte Fußballfans als auch Fußball-interessierte Literaten nun dieses Kleinod wieder entdecken und in den eigenen Erinnerungen schwelgen. Das
im Jahr 2000 erschienene
Buch umfasst 34 Betrachtungen aus den Jahren 1992 bis 1999, die sich um die aktuelle Situation der spanischen Fußball-Klubs – insbesondere Real Madrid und Erzrivale FC Barcelona – Kindheitserinnerungen, Weltmeisterschaften sowie Fußball-Helden wie Ferenc Puskas, Alfredo di Stefano oder Eric Cantona drehen.
"Dass die Liebe zum Fußball eine besondere, mit nichts zu vergleichende Prägung bedeutet und dass
man mit Fußball über Sieg und Niederlage, Größe und Gemeinheit anders nachdenkt als ohne Fußball, offenbaren die vorliegenden Fußball-Stücke von Javier Marías", lobt Verleger Paul Ingendaay im Vorwort. Tatsächlich findet sich der Fußballfan in den Kindheitserinnerungen wieder, etwa wenn der kleine Javier auf dem Schulhof ein offenherziges Bild seiner Tante gegen das populärste Fußballklebebild tauscht oder von der kindlichen Begeisterung für den eigenen Fußballverein erzählt, die ein Leben lang hält. Und auch wer bisher kein Interesse an Fußball hatte, "versteht plötzlich, warum das Geschehen auf dem Spielfeld und davor und danach und drum herum solche Gefühle freisetzt", wie Katharina Döbler in der "Zeit" glaubhaft versicherte.
"Lang lebe Barca", wünscht sich Marías, auf dass der Lieblingsgegner nicht verloren gehe. Die Rivalität der beiden Vereine kann man wohl nur nachvollziehen, wenn man die Feindseligkeiten von Dortmund/Schalke, HSV/St. Pauli und Union Berlin/BFC Dynamo addiert. Die Besonderheit, in diesem Buch viel Wissenswertes über den Nationalismus in Spanien zu erfahren, bedeutet aber zugleich auch einen Nachteil. Obwohl Ingendaay "einige binnenspanische Spezialitäten" getilgt hat, fällt es dem nichtspanischen Leser schwer, sich von den geschichtlichen Hintergründen und den exotisch klingende Wendungen nicht irritieren zu lassen.
Bewiesen wird allerdings – und das sieht man auch im Vorfeld der aktuellen EM – dass Fußball und Literatur eng zusammen hängen können. Nicht nur Marías und Peter Handke als bekennende Numancia-Liebhaber, sondern auch der Ex-Torwart Albert Camus zeigen eine beruhigende Verbindung für jeden Fußball-Literaten. Auch mit dem Film habe Fußball viel zu tun, erklärt Marías, was etwa die Darstellung Cantonas in seiner Rolle als tragischer Held aufzeige. "Alle unsere frühen Schlachten" spielt einfühlsam und schwärmerisch mit dem Bild des Fußballs ohne peinlich zu wirken, liest sich flüssig, bleibt aber blass und verpasst es ein sprachliches Feuer zu entfachen. Besonderes Highlight sind die Sammelbilder von den Real-Madrid-Stars aus den 60er und 70er Jahren.
Javier Marías wurde 1951 in Madrid geboren und ist für sein Werk mit zahlreichen Preisen von internationalem Rang, wie dem Dublin Literary Award und dem Nelly Sachs Preis (1997), ausgezeichnet worden.
Javier Marías: Alle unsere frühen Schlachten
Fußball-Stücke
Taschenbuch: 137 Seiten
Verlag: Dtv (April 2002)
Sprache: Deutsch
ISBN: 3423130105
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