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Versnetze_zwei

von : Matze    

Autor : Axel Kutsch

Alles stimmt beim Herausgeber und Lyriker Axel Kutsch, weil alles bei ihm Dichtung ist, mit Dichtung zu tun hat. In
seiner Lyrik hören die Sachverhalte auf zu sein und fangen an zu bedeuten. Seine Lyrik, zuletzt veröffentlicht in »Stille Nacht nur bis acht«, handelt nicht davon, was passiert, sondern wie Leser es erleben. Im Herbst 2009 erschien die bereits vieldiskutierte Anthologie »Versnetze_zwei. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart«.
Als Herausgeber von Lyrik-Anthologien hat Axel Kutsch einen ganz anderen Begriff davon, was diese Gattung leisten muß. Die von ihm herausgegebenen Bücher fügen sich ineinander mit eiszeitlicher, in geologischen Epochen denkender Zwangsläufig¬keit, als eine fortschreitende Bewegung. Er denkt in Werkzusammenhängen, was ihn zu einer Ausnahmeerscheinung macht. Zuletzt erschien »Versnetze zwei«, eine Anthologie, die nicht nach dem Alter, sondern nach der Postleitzahl sortiert ist. Zu entdecken ist eine Lyriklandschaft, die sich sowohl den Metropolen, als auch dem Hinterland widmet.
Als Herausgeber ist Axel Kutsch ein Entdecker. Zwischen Verbindlichkeit und Freiheit, zwischen Hierarchie und Innigkeit, Ordnung und Chaos findet er auch die Na¬deln im Heuhaufen. Er hat bereits frühzeitig erkannt, daß die aktuelle Lyrik auf ei¬nem viel höheren Niveau angesiedelt ist als die sogenannte Popliteratur. Die Postmoderne endete jedoch mit der Massennutzung des Internets, kaum niemand nimmt Notiz von ihrem Sterben, weil das Leben immer mehr von einer immer noch schneller werdenden, ja, wahnwitzigen Schnelligkeit geprägt zu sein scheint.
Im 21. Jahrhundert ist Selbstentblößung unter jungen deutschen Autoren ganz normal. Je lauter man brüllt, desto schlechter wird man verstanden, das heißt, je greller eine Entblößung daherkommt, desto weniger schockiert sie. In den Traditionslinien, die Axel Kutsch aufzeigt, geht es um die Rückkehr zur Aufklärung. Peter Hacks etwa hat sich immer gegen Brechts Aufklärungskunst gewandt. Seine Argu¬ment lautete: „Aufgeklärt sind längst alle, nun schaut man, was noch zu tun ist. Das stimmt aber leider nicht. Nun ist die Frage, zurück zur Aufklärung oder nicht?“ Axel Kutsch stimmt dem zu, aber nicht zu derselben Art von Aufklärungsliteratur. Einfach mit Aufklärung oder Klassik weiterzumachen geht gerade dann nicht, wenn man besonders stark damit sympathisiert. Das ist ein großer Gedanke Ezra Pounds: „Um etwas wieder zu tun, muss ich es neu machen.“ Tradition heißt „immer wieder an¬ders dasselbe“.
Axel Kutschs eigene Gedichte, die in Büchern wie in »Einsturzgefahr« oder »Ikarus fährt Omnibus« nachzulesen sind, verknüpfen Assoziationen zu einem Bewusstseinsvorgang, der zwischen den Zeiten vermittelt, das Vergangene hervorholt, Träume reali¬siert und so Gedanken ins Sprachbild bringt. Es ist diese offene Form des Schrei¬bens, die ihn immer am meisten interessiert hat. Eine offene Form, die sich selbst bildet. Axel Kutsch entwirft das Bild einer chaotischen Welt, aus der ei¬nen keine Ge¬schichtsphilosophie, Meta-Erzählung oder Religion retten kann und fei¬ert in seinen Gedichten gerade deshalb die Freiheit des einzelnen. Man möchte seine An¬thologien nicht missen, ihm andererseits mehr Zeit für seine eigene Arbeit wün¬schen.
Die Arbeit dieses Lyrikers besteht darin, dem Wesen des Menschen auf die Spur zu kommen, und zwar jenseits von Urteilen oder Therapievorschlägen, deshalb studiert er den Menschen sehr genau. Es muss Schriftsteller geben, die kritische Fragen stellen und hohe moralische Ansprüche vertreten – sonst bleibt nur die Barbarei. Wenn es stimmt, dass die Lyriker als letzte Sinnstifter gesucht werden, ist es ein gutes Zeugnis für die westliche Gesellschaft, dass sie Lyriker als öffentliche Stimmen derzeit nicht benötigt. Hauptsache, die Lyriker werden gelesen. Umgekehrt hat ein Lyriker, der die Gesellschaft erst beeinflussen will, bevor er sie beschrieben hat, seinen Beruf verfehlt. Gute Lyriker sind beim Schreiben kühl und unbestechlich. Und sie lassen sich beim Nachdenken viel Zeit. Wünschen wir dem Herausgeber und Ly¬riker Axel Kutsch noch viele Mußestunden.
Veröffentlicht am: Oktober 05, 2009
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