Bogdan Musial, Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen, Propyläen, Berlin 2008, 586 Seiten, 29, 90 Euro.
Deutschland im Visier. Stalins Eroberungspläne
„Jetzt ist die Zeit gekommen, von der Verteidigung zum Angriff überzugehen“, äußerte Josef Stalin am 5. Mai 1941. In naher Zukunft wollte er Deutschland erobern und die globale Hegemonie gewinnen. Der größten „Invasionsarmee aller Zeiten“ fehlte nur das Angriffsdatum. So lauten die Kernthesen des deutsch-polnischen Historikers Bogdan Musial.
Bisher unzugängliche Quellen lagen ihm vor: „Protokolle des Politbüros“ und Akten des „Komitees für Verteidigung“. Auch Unterlagen, die im ehemaligen kommunistischen Parteiarchiv liegen, konnte er nutzen, obwohl einiges verschlossen blieb.
Viele westliche Fachleute, beispielsweise Richard Overy, sehen in Stalin noch immer ein bloßes „Opfer“, das defensiv agiert habe. Musial betrachtet die Geschichte des Bolschewismus von 1917 bis 1941; die Vielzahl der Indizien erlaubt nur eine Schlussfolgerung. Der sowjetische Staatschef gedachte, Deutschland anzugreifen.
Pate stand Lenins monströse Ideologie: hiernach markierte der Oktober 1917 nur das Frühstadium der „Weltrevolution“. Deutschland lockte wegen seines industriellen und menschlichen Potentials; es verkörperte das Sprungbrett zur totalen kommunistischen Herrschaft.
Außerhalb der UdSSR errang jedoch das „Proletariat“ nirgends die Macht. Nun sollten kommunistische Ideen gewaltsam exportiert werden.
Seit dem „Schwarzen Freitag“ rückte 1929/30 die Götterdämmerung des Kapitalismus offenbar näher. Das Sowjetimperium rüstete noch stärker, finanziert durch massive Getreideverkäufe. Nicht zuletzt deshalb hatte man jeden freien Bauern enteignet.
Ganz Russland verwandelte Stalin in „ein gigantisches Zwangsarbeiterlager, nur um einen Eroberungskrieg vorzubereiten“. Schon 1930 entwarf Marschall Tuchatschewski strategische Offensivpläne.
Allerdings hafteten der sowjetischen Waffentechnik, ebenso dem Offizierskorps, viele Mängel an; zahlreiche Soldaten waren unmotiviert. Stalins „großer Terror“ zielte auch gegen vermeintliche Sabotage in der Rüstungsindustrie.
1939/40 boten sich neue außenpolitische Chancen. Deutschland und die Westmächte, hoffte der Kreml-Despot, demontierten sich gegenseitig, sodass er am Ende siegreich auftrumpfen könne. Dank des Paktes mit Hitler okkupierten die Sowjets Ostpolen, das Baltikum, Bessarabien und überfielen Finnland.
Das militärische Debakel in Skandinavien forcierte weitere Anstrengungen. „Spätestens“ seit Januar 1941 begann die „explizite“ Vorbereitung des Krieges gegen Deutschland. Die sowjetischen Truppen mutierten zu „einer der schlagkräftigsten und mächtigsten Invasionsarmeen der Weltgeschichte“. Stalin forderte, „die Armee im Geiste des Angriffs zu erziehen“.
Der Offensivschlag, notiert Musial, wäre 1942 oder 1943 erfolgt. Hitlers Angriff überraschte Stalin, und die Aufrüstung der Roten Armee war noch nicht beendet.
Dennoch führte das „Dritte Reich“ keinen „Präventivkrieg“, wie der Autor richtig betont. Hitler hatte schon seit Jahrzehnten einen ideologischen Kampf um „Lebensraum“ vom Zaun brechen wollen. Noch im Juni 1941 unterschätzten die Deutschen das sowjetische Rüstungsprogramm.
Musials exzellentes Buch bereichert unseren Kenntnisstand. Die lange vertretene These, wonach Stalin nur eine „faschistische Aggression“ bekämpfte, wird endgültig als trügerische Propaganda entlarvt.
Egmont