Charlotte Link, Die letzte Spur
Eine junge Frau verschwindet auf ihrer Reise nach Gibraltar spurlos. Jahre später rollt eine Freundin den Fall für eine Klatsch-Zeitschrift wieder auf. Am Ende weiß sie, was ihrer Bekannten zugestoßen war.
Um diesen verhältnismäßig banalen Plot an den Leser zu bringen, braucht Charlotte Link satte 637 Seiten. Verschiedene Handlungsstränge stiften anfangs reichlich Verwirrung: Da ist die Protagonistin, die aus ihrer unglücklichen Ehe flieht und nach England reist, um dort nach der vor Jahren verschwundenen Freundin zu recherchieren und über sie zu schreiben. Im Hintergrund geistert ihr Stiefsohn, der den Konflikt mit dem eigenen Vater scheut und zu seiner leiblichen Mutter nach England reist, die er so erstmals kennen lernt. Da ist (drittens) der Bruder des Opfers, der, nach einem Unfall verkrüppelt und dementsprechend verbittert, zu wissen meint, wer seine Schwester umgebracht hat. Und viertens, der Hauptverdächtige: Der Mann, ein Anwalt, der der Vermissten am Flughafen vor fünf Jahren zufällig begegnete und ein Obdach über Nacht anbot, weil alle Flüge wegen Nebels gestrichen waren. Nicht von ungefähr ermittelt die Journalistin gemeinsam mit eben diesem Anwalt, der die Tote als letzter gesehen hat und damals unter Verdacht stand, sie umgebracht zu haben. Die Liebe kommt also auch nicht zu kurz. Weiterhin mit im Boot sind fünftens, sechstens und siebtens: Eine dem gesellschaftlichen Abstieg geweihte Arbeiterfamilie, deren Tochter Opfer einer Vergewaltigung wird. Eine Ex-Prostituierte auf der Flucht vor ihrem Zuhälter und dessen Freund. Und der richtungslose Bruder der Journalistin, der sich nach Fehlspekulationen in Aktiengeschäften auf der Suche nach einem Sinn gebenden Lebensinhalt befindet. Ich hoffe, damit sind zumindest die wichtigsten Personen genannt.
Das sind viele Personen, viele Geschichten hinter den Personen und viele Handlungen, die miteinander zu verweben die Autorin einiges an Mühe gekostet haben dürfte. Trotz aller Umständlichkeit und Verwicklungen ist das Ganze gut lesbar, flüssig geschrieben. Obwohl der Geschichte 200 Seiten weniger sicher nicht geschadet hätten. Alle die besagten Geschichten der diversen Personen sind nämlich meistens lediglich Zugaben, die schließlich zur Aufklärung des Falles nicht entscheidend beitragen.
Die Auflösung ist zwar spannend geschildert, mutet aber letztlich ein wenig konstruiert an und ist nicht wirklich befriedigend. Auch wenn man an einen Krimi nicht mit dem Anspruch herangeht, dass am Ende alles gut sein soll, so ist die Erwartungshaltung, die im Laufe des Lesens von „Die letzte Spur“ aufgebaut wird, ziemlich hoch: Bei all den kunstvoll aufgebauten und miteinander verschachtelten Handlungssträngen und den vielen Personen erwartete mancher Leser sicher ein eleganteres, raffinierteres Ende. Und so drängen sich am Ende der Lektüre vor allem zwei Fragen auf: 1.) Hat die Autorin vom Verlag ein Mindest-Seiten-Soll von 600 Seiten genannt bekommen, unter dem sie auf keinen Fall bleiben durfte, oder warum sonst erzählt sie so ausufernd so viel für den Fortgang der Handlung und die Lösung des Falles Irrelevantes? Eine straffere Erzählweise hätte der Story sicher besser getan. Und 2.) eine eher aufs Grundsätzliche zielende Frage: Wieso lässt eine deutsche, bei Frankfurt lebende Autorin ihren Roman in England spielen, verwendet durchweg englische Namen, englische Charaktere? Da ist kein einziger deutscher Charakter dabei, nichts, was mit der eigenen Herkunft Links zu tun hat. Ich meine, das ist schade, zudem die Autorin sich damit auch keinen Gefallen tut. Denn die Atmosphäre ist ihr nicht authentisch-britisch geraten. Doch wie dem auch sei: Insgesamt betrachtet ist dieses Buch einfach zu lang für den relativ trivialen Hauptplot, es ist zu kompliziert erzählt, vieles darin ist für den Fortgang der eigentlichen Haupthandlung überflüssig. Daher mein Urteil: Nur eingeschränkt und für Leser mit einer besonders langen Leitung oder für eingefleischte Link-Fans zu empfehlen.
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