Torsten Schulz entführt den Leser in seinem Debütroman "Boxhagener Platz" in den Ostberliner Stadtbezirk Friedrichshain. Das Geschehen spielt
im Jahr 1968, als an den zugereisten Neu-Friedrichshainer aus der westdeutschen Provinz noch
nicht einmal im Traum zu denken war. Hauptakteure des lakonisch flott geschriebenen Berlin-Romans sind der zwölfjährige Holger Jürgens und seine
oma Otti, die mit ihren 74 Jahren bereits fünf Ehemänner zu Grabe getragen hat. Doch damit noch lange nicht genug. Während Rudi, der Sechste mit dem Splitter aus dem Russlandfeldzug im Kopf, im Sterben liegt, verliebt sich die agile Rentnerin, die es jeden Tag auf den Friedhof zieht, bereits in den rüstigen Alt-Revolutionär Karl Wegner, ebenfalls ein Friedhofsgänger. Fisch-Winkler, der Oma Otti ebenfalls Avancen macht,
wird dagegen
bald mit einer Bierflasche erschlagen in seinem Laden aufgefunden und so entspinnt sich im Kiez eine tragisch-komische Suche nach dem Mörder. Holgers Vater, der als Waschlappen skizzierte Abschnittsbevollmächtigte, der auf der Jagd nach dem Mörder zunächst auf den falschen Verdächtigen setzt, muss sich schon bald der Konkurrenz eines Lederjacken-tragenden Kripobeamten erwehren - und das nicht nur im Kampf um die Wahrheit sondern auch in dem um die eigene Ehefrau. (Er gewinnt diesen Kampf am Ende übrigens komischerweise durch einen ihm zugefügten Faustschlag des Kommissars.) Nachdem bei der Kripo ein Bekennerschreiben einer wundersamen linksradikalen Kommune aus Westberlin eingeht - Fisch-Winkler entpuppt sich als früherer SS-Mann - hält ganz kurz auch die Weltpolitik Einzug in die lokale Geschichte. Schließlich ist es Holger, der durch sein kindliches Prahlen mit den revolutionären Wurzeln seines Wunschgroßvaters Karl zur Verhaftung des vorerst letzten Geliebten von Oma Otti beiträgt. Am Weihnachtsabend wird der alternde Casanova dann aus der nicht ganz trauten Familienzusammenkunft heraus gerissen. "Boxhagener Platz" ist eine amüsante Kriminalgeschichte aus den Höchstzeiten der untergegangenen DDR. Die Politik spielt hier aber weniger eine Rolle, auch wenn sich die Grundspannungen zwischen den überzeugten Kommunisten und den dem System eher kritisch gegenüberstehenden Personen hier sogar mitten durch die Familie ziehen. Vielmehr kann der Berlin-Liebhaber einen Flecken Stadt erleben, den es auch heute noch zu erkunden gilt - Stichwort Feuermelder.
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