Ein Glaubensbekenntnis für das wissenschaftliche Zeitalter Die Welträtsel war eines der einflussreichsten Bücher
am Anfang des 20. Jahrhunderts. Es füllte eine Lücke, die viele Menschen nach der Darwin’schen Revolution schmerzlich empfanden: Die Entwicklung des Lebens ist also auch ohne Schöpfergott erklärbar, aber was tritt an seine Stelle? Haeckels Buch ist nichts weniger als der Versuch, eine geschlossene Weltanschauung auf naturwissenschaftlicher Basis zu schaffen, sozusagen eine Religion ohne Glauben. Seine Grundannahmen: Geist und Materie sind nicht zwei verschiedene Dinge, sondern der Geist ist eine untrennbare Eigenschaft der organischen Materie; es gibt somit auch keine unsterbliche Seele. Die gesamte Natur ist beseelt; es gibt keinen prinzipiellen Unterschied zwischen niederen und höheren Lebewesen, sondern nur einen graduellen. Haeckel wollte keineswegs die Religion oder Spiritualität an sich abschaffen. Was er aber bekämpfte, war das Wunder, das Unerklärliche, der kirchliche Dogmatismus - und jener Anthropozentrismus, der den Menschen als Mittelpunkt der Welt und als Ziel der Evolution sah. Wer ein Gefühl dafür bekommen will, wie sehr Darwins Erkenntnisse das damalige Weltbild umwälzten, der liest Haeckel auch heute noch mit Gewinn. Worin Haeckel freilich irrte, war der Glaube an die Allmacht der Wissenschaft, die sämtliche Fragen im Lauf der Zeit würde lösen können.