Der Einakter des österreichischen Künstlers Oskar Kokoschka wird als erstes expressionistisches Theaterstück bezeichnet. Er
wurde am 4. Juli 1909 von Kokoschkas Freunden als Improvisation uraufgeführt und erst danach verschriftlicht (Pam 1975, S. 9). Jahre später schrieb Kokoschka das Theaterstück um, sodass es heute in verschiedenen Versionen vorliegt.
Dem klassischen Drama folgend, sind Einheit von Zeit, Ort und Handlung gegeben. Obwohl das Stück
nicht in Szenen unterteilt ist, folgt es dem typischen Aufbau des klassischen Dramas:
Exposition: Erster Auftritt der Männer und Frauen
Komplikation: Begegnung der Männer und Frauen, Aggression
Peripetie: Brandmarken der Frau, Verwunden des Mannes
Retardation: Der Mann wird in den Käfig gesperrt.
Katastrophe: Der Mann tötet die Frau.
Hoffnung, Mörder der Frauen ist ein Beispiel dafür, wie wichtig und eng im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts die Beziehungen der Künstler untereinander waren und wie fruchtbar interdisziplinäre Zusammenarbeiten sein konnten. Wie viele andere Künstler, war Oskar Kokoschka vielseitig begabt und ist als Grafiker, Maler, Bühnenbildner und Schriftsteller bekannt. Die vom Expressionismus wieder aufgegriffene romantische Idee des Gesamtkunstwerks und die Vermittlung der Botschaft über alle Sinneskanäle waren charakteristisch für die Künstler der Moderne. Demnach ist für eine umfassende Analyse des Stücks auch die Miteinbeziehung der Vertonung durch Paul Hindemith, der Illustrationen der gedruckten Ausgaben und des Bühnenbilds interessant.
Pam (1975, S. 8) erwähnt, dass es bei der Uraufführung keine Bühne als solche, sondern nur zum großen roten Turm führende Bretter und Planken gab. Außerdem seien die Kostüme aus Sparsamkeit aus notdürftigen Fetzen geflickt worden. Die Bemalung der Gesichter der Schauspieler sollte dieselbe Funktion wie die Masken im klassischen Griechischen Theater erfüllen, nämlich die Darstellung von Archetypen, nicht Individuen.
Schon in den ersten Angaben zum Bühnenbild (Wingler 1956, S. 140) sieht Kokoschka Fackellicht vor und das Feuermotiv zieht sich durch das ganze Stück. Darin könnte eine Anspielung auf die von Karl Kraus herausgegebene Zeitschrift Die Fackel bestehen. Kraus gründete die Zeitschrift 1899, gab sie bis 1936 heraus und verfasste die meisten Beiträge selbst. Er wollte damit die Unabhängigkeit von Geldgebern erreichen, einer Vermischung von bezahlter Werbung und objektiver Information entgegenwirken und die Situation von Gesellschaft und Medien kritisieren.
Mit ihren Fackeln wollten Kraus und Kokoschka Licht und Klarheit in eine dunkle Welt tragen, wobei für „dunkel" mehrere Lesarten denkbar sind. Sie wollten die Gesellschaft verändern und sehnten sich nach Innovation. Die Ideen von Dämmerung, Wandel und Weltende waren verbreitete Topoi im Expressionismus, die auf die rasche Veränderung der Lebensumstände der Menschen um die Jahrhundertwende und im beginnenden 20. Jahrhundert verweisen. Propagiert wurde der „Neue Mensch", der zu einer „Leerformel
, die sich mit Sehnsüchten und Wunschträumen aller Art ausfüllen ließ" (Anz 2002, S. 44). Die Polarität von Alt und Neu, Leben und Tod, Tag und Nacht, Mann und Frau ist im Stück dominant und letztendlich schon auf die griechische Philosophie zurückzuführen.
Die Tatsache, dass Kokoschka das Stück ins Altertum verlagerte (Wingler 1956, S. 140), scheint unter dem Aspekt des Wandels und der Modernität zunächst widersprüchlich. Dies war in erster Linie eine beliebte Strategie, um Zeitgenossen nicht offen und direkt zu kritisieren, gleichzeitig ist die Antike aber auch mit unzivilisiertem, barbarischem, archaischem, animalischem Verhalten assoziiert. Außerdem wurde Feuer im Altertum für Reinigungsrituale verwendet und z.B. vom vorsokratischen Philosophen Heraklit von Ephesos als Ursprung aller Dinge und idealer Aggregatzustand bezeichnet. Das gesamte Stück stellt somit eine utopische Gegenwelt dar, in der alles möglich ist, was die Normen, Regeln und GGesetze des realen Alltags verbieten.
Auch leuchtende Farben spielen in Kokoschkas Einakter eine große Rolle: der Mann ist weiß (Wingler 1956, S. 141, 147), blass (S. 141, 148) und bleich (S. 143, 148), die Frau hingegen hat rote Kleider und offene gelbe Haare (S. 141), ist am Ende aber ganz weiß (S. 151). Diese Beschreibung macht deutlich, wie bedrohlich Kokoschka, der zur Zeit der Entstehung des Stücks eine Affäre mit Alma Mahler hatte, selbstbewusste, starke Frauen empfand. Die kräftigen Farben symbolisieren somit nicht nur Leben und Energie, sondern auch Macht über den Gegner: Bei Nacht kann die Frau den Mann überwältigen, doch beim ersten Hahnenschrei gewinnt er an Kraft, befreit sich und tötet die Frau.
Die Nacht, der Mond und die Sterne, stehen für das Weibliche, der Tag und die Sonne hingegen für das Männliche. Sowohl die Krieger als auch die Mädchen identifizieren ihre jeweiligen Anführer mit der Sonne (z.B. S. 142: „Unser Herr kommt wie der Tag", S. 144: „Unser Frau steigt auf und sinkt"), die somit auch alleinigen Machtanspruch symbolisiert: Der Konflikt ist unvermeidbar und kein Kompromiss denkbar, weil es nur eine „Sonne" geben kann. Der Mann zieht den Verlust der potentiellen Liebhaberin der Gefahr durch eine Nebenbuhlerin vor. Dass der Aspekt der sich traditionell ergänzenden Elemente Sonne und Mond auch für Kokoschka wichtig war, ist daran erkennbar, dass diese auch auf dem – womöglich eine Selbstdarstellung enthaltenden – Plakat zur Aufführung die zu finden sind.
Bei Tagesanbruch, am Ende des Stücks, haben sich die Machtverhältnisse wieder in ihre gewohnte Weise umgekehrt und die Fackel erlischt, entzündet aber einen alles zerstörenden, apokalyptischen Brand.
Mehr Rezensionen über Mörder, Hoffnung der Frauen