Dieser Roman von Marie-Claire Blais, einer großen Schriftstellerin aus Québec, könnte auch ein großartiges Gedicht oder ein wunderbarer Film sein, in dem Raffinesse, Bitterkeit und Angst nach
art der Filme Antonionis vermischt sind. Er ist nicht durch einen lebhaften Handlungsstrang gekennzeichnet, sondern eher durch eine komplexe Realität, die interessante Persönlichkeiten miteinander verbindet und unzählige persönliche Geschichten ineinander verwebt. Vor allem enthält er eine tiefschürfende, ja fast tragische Betrachtung der Ängste, Widersprüche und des Unheils unserer Zeit, die jedoch letztendlich eine schwache Hoffnung nährt.
Wir befinden uns auf einer sonnigen Urlaubsinsel im Golf von Mexiko, die von betörendem Jasmin-, Magnolien- und Akazienduft und dem Duft des Meeres eingehüllt ist; es ist wie in einem großen, immer blühenden Garten, einer Art Paradies, in dem Melanie und Daniel, ein erfolgreicher Autor, die Geburt ihres dritten Kindes Vincent feiern wollen. Drei Tage und drei Nächte geben ihre Freunde, ihre Eltern, das Dienstpersonal und deren Familien, die Nachbarn alle zusammen das Bild einer Menschengemeinschaft ab, die so tut, als wäre sie glücklich, die jedoch in Wirklichkeit völlig heruntergekommen und ohnmächtig ist, gefangen in ihren alten und aktuellen Problemen. Diese
insel könnte der Garten der Lüste von Hieronymus Bosch sein, der manchmal in dem Roman erwähnt wird, aber die Personen, die sich hier versammelt haben, um den kleinen Vincent zu feiern, haben weder die Unschuld noch die Sorglosigkeit der Figuren auf dem Bild des flämischen Malers. Sie sind kultiviert, intelligent und reich, aber ihr Geist ist zerstört durch das Unheil der Vergangenheit und ihre Körper durch die Krankheit unserer Tage, Aids. Sie
leben in ständiger Unruhe und ohne Elan in der Gegenwart und haben Angst vor der Zukunft. Sie leben in der Illusion, die Insel sei ein Schutzraum, ein Zufluchtsort, müssen aber erkennen, dass die Bedrohungen, der Tod und der Verfall sie auf Schritt und Tritt begleiten. Dieses Paradies der letzten Zuflucht ist in Wirklichkeit ein aufgegebenes Paradies, in dem kein Gott anzutreffen ist, nur Pastor Jérémy, dessen Weisheit und Fähigkeit, die Unglücklichen zu trösten, sich auf einen resignierten Satz reduziert:
wenn das Öl alle ist, erlischt die Lampe.
Bemerkenswert ist die stilistische Originalität des Romans. Seine extrem langen Sätze, deren Zahl ungefähr einhundertfünfzig bei 300 Seiten nicht überschreitet, sind skizzenhaft und die Gedanken der einzelnen Personen vermischen sich auf die gleiche Art wie ihre Leben miteinander verbunden sind. Der Übergang von einer Person
zur anderen, von einer Landschaft zur anderen, von einem Augenblick zum
anderen geschieht ohne jegliche Grenze. Man könnte meinen, die Schriftstellerin verzichte auf das Erzählen zu Gunsten einer Filmtechnik
Man muss diesen Roman wie ein Meisterwerk behandeln: man
liest ihn langsam, man liest ihn nochmals, man denkt nach. Er gehört zur Kategorie der Romane von Marcel Proust, Lawrence Durrel oder Gabriel Garcia Marquéz.
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