Das weisse Schloss
ist ein 1985 geschriebener Roman des Nobelpreisträgers Orhan Pamuk. Der
Umstand, dass der Autor dieses Buch als eine Art "Pause" von einem
anderen Werk betrachtet hat, das er als anstrengender empfand, hebt
Pamuks schriftstellerische Qualitäten nur umso mehr hervor. Der Roman
kann typisierend in drei Teile aufgeteilt werden: Die sehr interessante
und fesselnde Einleitung, in der der Protagonist, ein italienischer
Gelehrter toskanischen Ursprungs, es mit einem feindlichen türkischen
Schiff zu tun bekommt. Der langsamere mittlere Teil, der sich auf die
Beziehungen zwischen dem Italiener und dem Meister, seinem Doppelgänger
sowie auf die gemeinsame Arbeit der beiden konzentriert, und das Ende,
das eine unerwartete Wendung bereithält - die vom aufmerksamen Leser
freilich schon aus den vorhergehenden Seiten herausgelesen werden
könnte. Der Roman spielt
im siebzehnten Jahrhundert, zum Großteil
in der Türkei, vor allem in der Hauptstadt Istanbul, wo die beiden
Protagonisten
leben und mit ihren wissenschaftlichen Kenntnissen dem
Sultan dienen. Die beiden befassen sich mit Astronomie, Astrologie,
Feuerwerk, bis hin zur Konstruktion einer Kriegsmaschine von bis dahin
ungesehenen Ausmassen. Der Roman entwickelt sich entlang der Erlebnisse
der beiden Protagonisten, ihrer unendlichen Stunden des Studiums
wissenschaftlicher Thesen und ihrer verzweifelten und - vor allem im
Fall des Meisters - obsessiven Versuche große wissenschaftliche
Entdeckungen zu machen und mit allen Mitteln die obskuren Wege des
menschlichen Geistes zu entschlüsseln - was sich als extrem schwieriges
Unterfangen herausstellt. Je länger die beiden Figuren zusammen leben,
desto klarer erkennen sie ihre unglaubliche Ähnlichkeit. Es ist genau
dies - das Thema des Doppelgängers und der perversen Suche nach der
eigenen Identität - was der Autor den ganzen Roman hindurch
nachverfolgt. Ein anderes sehr wichtiges Thema ist das des
Zusammentreffens von Ost und West, das hier von der immer
konfliktgeladenen und zugleich von Bewunderung, Schätzung und Neid
geprägten Beziehung der Hauptfiguren symbolisiert wird: Der Protagonist
italienischen Ursprungs beeindruckt den anderen mit seinen westlichen
Kenntnissen und als Träger der Großen seiner Kultur, während jener
wiederum aufgrund seiner beruflichen Erfolge Objekt des Neids und der
Bewunderung wird.
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