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Die Klavierstunde - T.1

Summary rating: 3 stars 49 Kritik
Review by : Jewik
Besucher : 3905  Wörter: 900   Veröffentlicht am: Oktober 03, 2005
Die Kurzgeschichte „Die Klavierstunde“ ist von 1966 und wurde von Gabriele Wohmann geschrieben.
Sie ist vor dem Kontext der Entstehungszeit zu sehen, wo der gesellschaftliche Druck über musikalische Bildung zu verfügen besonders hoch war.
Der Text handelt einer älteren Klavierlehrerin und ihrem Schüler, die beide nach Gründen suchen, die verhasste gemeinsame Unterrichtsstunde ausfallen zu lassen. Letztendlich überwiegt jedoch das Pflichtgefühl und die Geschichte endet mit dem Beginn der Klavierstunde.

Bei dieser Kurzgeschichte handelt es sich um eine personale Erzählsituation mit auktorialen Einschüben. Dieser Aspekt soll bei der folgenden Analyse besonders untersucht und bewiesen werden.

Die Geschichte beginnt mit den Impressionen des Jungen auf dem Weg zu der Klavierstunde. Die regelrechte Panik lässt ihn selbst die schöne Natur „feindselig“ (Z. 6) erscheinen. Dass er seine Umgebung als bedrohlich empfindet, sieht man daran, dass die Natur personifiziert wird („Zittern des Birkenlaubs“, „schläfrige Hitze“ (Z. 3/ 4)), denn vor leblosen Dingen oder sogar Temperaturen hat man keine Angst. Es zeigt auch, dass es eine personale Erzählsituation ist, da die Personifizierung der Natur eine sehr subjektive Sichtweise ist. Immer wieder denkt er darüber nach, wie er dieser Stunde entgehen könnte, bringt aber nicht den Mut auf dies wirklich durchzuführen. In einem auktorialen Einschub (Z. 16 – 25) macht der Erzähler deutlich, was der Junge nicht erkennt: Es wäre ein „ungleicher Tauschhandel“ der „einen Stunde möglicher Freiheit“ gegen „die mögliche Unfreiheit des ganzen Nachmittags“. Man erkennt die auktoriale Erzählsituation auch an der dann folgenden Feststellung, dass der Schüler vor sich selbst leugnet, aus freien Stücken weiterzugehen. Er mag sich dazu gezwungen fühlen, aber die Kontrolle über seinen Körper hat nur er selbst. Aus der personalen Sicht würde dies nicht so objektiv beurteilt, sondern vom Standpunkt des Jungen aus beschrieben. Daraufhin erfolgt ein Perspektivwechsel und die Klavierlehrerin wird neutral und distanziert beschrieben, sodass dieser Abschnitt der auktorialen Erzählsituation zuzuordnen ist. Um ihre „Leblosigkeit“ und Lethargie auszudrücken werden nur ihre Körperteile personifiziert; sie ist nicht selbst als Person aktiv: „…griff die rechte Hand…“ (Z. 29), „Die Hand bewahrte…“ (Z. 32/ 33), „hob sich der Oberkörper…“ (Z. 35). Das ständig wiederholte „Owehowehoweh“ gehört zu den Gedanken der Frau und ist deshalb personal. Es unterbricht die auktorialen Schilderungen. Schließlich werden ihre Visionen von der bevorstehenden Klavierstunde beschrieben: „verschwitzte Knabenfinger“ (Z. 44) drücken „fest und gefühllos auf die gelblichen Tasten“ (Z. 44/ 45). Das zeigt, dass sie die weiß, dass sie ihm Angst einflößt, aber sie scheint das auch nicht verhindern zu wollen. Es macht nicht den Eindruck, als wolle sie ihn wirklich unterrichten, möglicherweise aufgrund seines mangelnden Talents. Das „Metronom“ unterbricht daraufhin ihre Tagträume (Z. 46 ff.). Es ist hier ein Symbol für die Monotonie der Klavierstunden (Wiederholung von „eins zwei drei vier, …“) und für das Pflichtgefühl der Klavierlehrerin. Denn trotz ihrer Kopfschmerzen (Z. 57), die ja tatsächlich ein Grund wären, die Stunde abzusagen, setzt sie ihren Gedanken „ihn wegschicken“ (Z. 58) nicht in die Tat um. Es folgt ein personaler Abschnitt aus der Perspektive des Jungen, dessen Wunsch „die Mappe“ mit den Notenheften als Metapher für die ihm wahrscheinlich von seinen Eltern auferlegte Bürde der Klavierstunden „loswerden und nicht hingehen“ (67/ 70). Statt der Strenge und Sterilität der Klavierstunden, symbolisiert durch „den Geruch von Seife“ (Z. 77), will er sich lieber mit natürlichen Materialien wie Holz, Stein, Zweigen und Blättern umgeben (Z. 71 ff.). Der nächste Abschnitt ist ebenfalls personal, nun aber wieder aus der Sichtweise der Lehrerin. Er beschreibt wieder ihre Vorstellungen von der Klavierstunde, diesmal aber unangekündigt direktt in die Beschreibung integriert, was als ihr Unvermögen, Realität und Tagtraum zu trennen, interpretiert werden kann. Die Aussagen „Noch mal von vorne.“ (Z. 81) und „Die schwarze Taste, b, mein Junge.“ (Z. 81 f.) verdeutlichen ihre Ungeduld mit dem untalentierten Schüler. Wie bereits im letzten Abschnitt der Lehrerin sieht sie vor ihrem geistigen Auge „den hoffnungsweckenden Slogan“ (Z. 87) eines Reklamebands. Doch wie zuvor folgt die Feststellung „Kopfschmerzen“ (Z. 84 f.). Wenn man davon ausgeht, dass die Dame auf das Geld für den Klavierunterricht angewiesen ist, ist dieses Reklameband eine Metapher für das, was sie mit diesem Geld tun will. Da sie dafür allerdings dem Schüler musikalische Bildung eintrichtern muss verstärkt es nur ihre Kopfschmerzen. Gleichzeitig hat die Panik des Jungen schon physische Auswirkungen: Die Tasche wird immer schwerer und „jede einzelne Note hemmt seine kurzen Vorwärtsbewegungen“ (Z. 90 f.). Die Natur wird wie am Anfang personifiziert (Z. 91 ff.), deshalb empfindet er sie als „fremd“ (Z. 91.)Dann erfolgt wieder ein kurzer Perspektivwechsel und ein auktorialer Abschnitt, in dem die Lehrerin ihr äußeres Erscheinungsbild überprüft. Daraufhin geht der Junge „mechanisch“ (Z. 105 f.) auf die „efeubekleckste Villa“ der Klavierlehrerin zu. Dies stellt erneut den Zwang dar, unter dem er die Dame aufsucht. Nach einer kurzen auktorialen Beschreibung der Lehrerin, die sich auf die Stunde vorbereitet, werden aus der personalen Sicht des Jungen die Blumen der alten Frau als „unfarbig“ und „leblos“ (Z. 113) beschrieben. Er nimmt sie nicht einmal als „wirkliche Pflanzen“ (Z. 115) wahr. Daraus sollen Rückschlüsse auf das Wesen der Frau gezogen werden. Auch sie sieht der Junge in dieser Weise. Die Klavierlehrerin zeigt nun eine beinahe sadistische Ader, indem sie absichtlich ein „hartes, plattes Kissen“ (Z. 119) auf seinen Stuhl legt. Dies ist eine Metapher, dass sie sich keine Mühe gibt, ihm das Erlernen des Instruments zu erleichtern, sondern es ihm eher noch erschwert. Der Junge tritt dann durch das Tor des Eisenzauns, der die Villa umgibt.

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