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Nachmittag

Summary rating: 3 stars 12 Kritik
Review by : Jewik
Besucher : 1497  Wörter: 900   Veröffentlicht am: Oktober 03, 2005
In der Kurzgeschichte von Gabriele Wohmann, Nachmittag geht es grundsätzlich über die Beziehung einer jungen Frau zu ihrer Umgebung, d.h. die Kommunikation mit der Clique und den Tanten.
Die junge Frau, die ich nachfolgend Daja nennen möchte, hat von Anfang an ein gestörtes Beziehungs- und Kommunikationsverhältnis zu ihrer Außenwelt. Sie hat noch kein Zugehörigkeitsgefühl zur Gruppe, die auf dem Rasen ein Picknick veranstaltet, entwickeln können, "sie sah ihnen vom Fenster aus zu" (Zeile 1). Daja ist in einer Beobachtungssituation am Fenster, die sie vor möglichen Konflikten schützen soll, die sie beim Kontakt mit anderen Menschen befürchtet, seien es Minderwertigkeitsgefühle oder mangelndes Vertrauen zur eigenen Akzeptanz innerhalb der Gruppe.
Dieser Abseitsstehenden Beziehung versucht sie durch Alkohol zu entfliehen, sie ist ihr bewußt, da sie im Spiegel dafür nach Verständnis suchen muß; Verständnis für ihre Sucht bedingt durch Beziehungs- und Identitätsprobleme. Die Sicherheit dieser Scheinwelt in die sie sich mit Hilfe des Alkohols flüchten kann und der ihr zu Lockerheit und mehr Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen verhilft bezeichnet Gabriele Wohmann als "tröstliche Gewißheit" (Zeile 13), also Alkohol als "Pseudo"- Ausweg aus Problemen.
Gleich nach dem Genuß des Alkohols verkehrt sich Dajas ehemalige inferiore Stellung in eine, für sie so wahrgenommene superiore, entschlossen "hackte sie ihre Absätze gegen den roten Stein" (Zeile 14/ 15). Das Leben kommt ihr nunmehr wie eine Vorstellung vor, die sie zu geben hat. Sie ist völlig abgehoben in ihrer komplementären Beziehungsbasis zu den Tanten und glaubt sich in der superioren Rolle.
Die Stimme von Pat, mit dem sie offensichtlich eine symmetrische Beziehung eingehen will, empfindet sie als unnachgiebig, auch ein Zeichen für ihren eigentlichen Wunsch nach einem Partner der wieder die superiore Stellung zu ihr einnimmt.
Wieder empfindet sie jedoch ihre pseudo-superiore Stellung, denn sie beschreibt eher abwertend "ihre hingestreckten Leiber" (Zeile 33/ 34). Sie dagegen kommt sich weiß vor, zu empfindlich für die Derbheit der Cliquenbeziehung. Ihr Ziel, nämlich eine symmetrische Beziehung zu Pat, erreicht sie jedoch nicht, "Pat behütete seine Beine mit mißtrauischen Blicken" (Zeile 35/ 36). Die einzige logische Konsequenz für sie besteht darin sich erneut durch Alkohol stark zu machen. Sie sagt, daß sie gleich wiederkommt, kann dabei aber niemanden ansehen, wieder wird ihre Verletzlichkeit deutlich. Die Gruppe schrumpft für sie als Symbol auf eine Person zusammen, nämlich auf die Gruppe und nicht die einzelnen Individuen der Gruppe.
Sie zeigt wieder ihre inferiore Stellung "ich komme (doch gleich) wieder" (Zeile 43). Der Grund für das erneute Besuchen ihres Zimmers gibt sie als Umziehen an, dies ist jedoch nur ein Rechtfertigungsgrund vor ihren Tanten und der Clique ( Þ
inferior).
Sobald sie sich wieder in ihrem Zimmer befindet, breiten sich wieder Sicherheit und Selbstbewußtsein in ihr aus. Dies ist aus der anekelnden Beschreibung der Tanten ersichtlich (Zeile 55-58). Schon vorher angeheitert durch den Alkohol greift sie nun entschlossen (vgl. Zeile 8 "sie wand den Korken") zur Flasche, reißt den Stopfen ab und trinkt gewissenhaft ihr "Heilmittel" zur Lösung des Problems. Nun besteht sie sogar auf dem Platz neben Pat, sie fordert ihren Platz in der Clique, den sie glaubt nun erworben zu haben. Bei ihrer erneuten Begegnung mit den Tanten schleudert sie ihnen geradezu ihre selbststrotzende in ihren Augen superiore Vormachtsstellung entgegen. Die Tanten sind für sie unwichtig in ihrer Bedeutungsfunktion geworden, "meine toten Tanten ja" (Zeile 75). Ihr Platz ist nun in der Clique mit der sie glaubt eine symmetrische Beziehung eingegangen zu sein. Doch direkt nach ihrem Glücksgefühl bricht ihre Wunschvorstellung in sich zusammen, sie spürt das Fallen in "ein tiefes dunkles Loch" (Zeile 79), in das sie nicht fallen will, "Sie krampfte die Finger in die hohen mürben Stengeel" (Zeile 80). Aus der symmetrischen Situation entsteht abrupt eine komplementäre, die sie noch mit "Ach was" (ist doch nicht wahr) (Zeile 82) retten will bis sie von Dunkelheit, Traurigkeit und Vergessen eingelullt wird (mögliche Anfügung an den Schluß der Kurzgeschichte).
Als Fazit ist zu ziehen, daß Daja trotz kurzfristiger Erfolge immer wieder auf ihre inferiore Ausgangsstellung zurückfällt.

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