Jörg Friedrich, Yalu. An den Ufern des dritten Weltkriegs, Propyläen, Berlin 2007, 624 Seiten, 24, 90 Euro.
„Ei,
ei, ei, Korea, der Krieg kommt immer näher“, sangen westdeutsche Kinder anfangs der 50er Jahre. Stand damals die Menschheit am Rande des Dritten Weltkriegs?
Jörg Friedrich schrieb „Der Brand“, ein Werk über den Luftkrieg, das Furore machte. Hat er nun wieder einen Bestseller verfasst?
Von 1945 bis 1955, behauptet der Autor, glaubten die „erfahrensten und klügsten Köpfe“, dass ein Krieg zwischen West und Ost „wahrscheinlich“ sei.
Friedrich irrt jedoch, wenn er daraus folgert, dass unmittelbar Krieg drohte. Zumindest fehlen hierfür Beweise; er hat keine ungedruckten Archivalien, besonders
sowjetische, gesichtet. Das Wettrüsten verrät nicht, welche Ziele die maßgeblichen Politiker erstrebten.
Wollten sie einen großen Krieg führen oder rechneten sie nur mit seiner
Möglichkeit? Stalins Imperium musste enorme Kriegsverluste ausgleichen. Und die Amerikaner? Sie besaßen eine machtvolle Luftwaffe, aber ihre schwachen Heereskräfte konnten nicht in osteuropäische oder gar russische Weiten vorstoßen.
Im Zentrum des Buches steht der Koreakrieg. China, gestärkt durch sowjetische Waffenlieferungen, griff an. Der Fluss „Yalu“, den Friedrich zum Schicksalsfluss stilisiert, trennte Nordkorea und China. Hätten ihn amerikanische Truppen überschritten, wäre laut Friedrich die thermonukleare Katastrophe hereingebrochen.
Allerdings dachten Moskau und Washington nicht daran, das fernöstliche Drama zu eskalieren.
Gewiss verschärfte der Konflikt die Lage, aber Korea lag relativ abseits. Friedrich selbst stellt fest, dass Stalin keinen Weltkrieg zu riskieren gedachte. Welche Dimensionen der Kriegsgefahr innewohnten, bleibt nebulös.
Sein speziell für Laien geschriebenes Buch ist gewiss „spannend“ zu lesen. Die Kehrseite der Medaille liegt darin, dass Friedrich kaum Neues bietet.
In einem Punkt hat er unbedingt Recht. Niemand weiß, ob die abschreckende Wirkung der Atomwaffen auch künftig genügt, einen Weltbrand zu verhindern.
Egmont