Konrad Seitz: China. Eine Weltmacht kehrt zurück, Goldmann Verlag, München 2006, 484 Seiten, 11,95 Euro, ISBN 978-3-442-15376-3.
Vor hundert Jahren war China erstarrt, wehrlos, arm, ein gedemütigter Tanzbär, den europäische Kolonialmächte an der Nasenschnur hielten. Ehemals hatte das „Reich der Mitte“ ganz Ostasien dominiert, Europa kulturell und technologisch überflügelt. Heute kehrt der Gigant zurück, stärker denn je.
Dieses Sachbuch garantiert enorme Spannung und bietet reichhaltige Information. Konrad Seitz arbeitete zwölf Jahre für das deutsche Außenministerium. Ohne abzuschweifen, verknüpft er Tatsachen und kluge Analyse, synthetisiert Vergangenheit und Gegenwart.
Noch lebte Kolumbus nicht, da fuhren große
chinesische Schiffe bis Afrika und erreichten sogar das rote Meer. „Sanft“ beherrschte China die fernöstliche Region, organisierte einen Handel, der allen Vorteile brachte, anders als Europäer es taten.
Papier, Buchdruck, Kompass, Schießpulver erfanden zuerst Chinesen. Lange Zeit ging China auch bei Agrarwissenschaften, Eisenfertigung und Schiffbau voraus, während Europa selbstmörderische Kriege führte.
Dann aber folgte der jähe Absturz. Seit 1430 zerstörten die Ming-Kaiser seetaugliche Schiffe, wichtige Techniken gerieten in Vergessenheit, und China, völlig isoliert, stürzte kraftlos nieder, sobald arrogante Europäer gewaltsam die leere Bühne betraten, um das erlahmte Reich ins steinharte Joch zu pressen.
Chinas Aufstieg und Krise, legt Seitz dar, verantwortete gleichermaßen Konfuzius, der China ethisch formte. Harmonisch wie eine Familie sollten die Chinesen leben. Klerus und Erbadel gab es nicht; die europäische Idee des Fortschritts kannte niemand. Fast jeder Chinese strebte moralischen Idealen der Vergangenheit nach. Zwanzigtausend Mandarine, konfuzianisch gebildet, die „Ordnung und Harmonie“ predigten, lenkten und regierten.
Der deutsche Philosoph Leibniz sah in China die höchste Zivilisation realisiert. Aber Konfuzius tradierte zwiespältige Weisheiten, denn er verordnete eine Gemütsruhe, die China wehrlos machte.
1842 zwangen britische Kolonialherren den Mandschu-Kaiser, Opium zu importieren. Das Shanghaier Ausländerviertel durften „Hunde und Chinesen“
nicht betreten. China, alt und mürbe, erlag der „westlichen, faustischen Kultur“.
Europäische „Aufklärung“ ermöglichte unter Sun-Yatsen einen mühseligen Neubeginn. Mao „sinisierte“ marxistische Theorien und erhob die Bauern zum revolutionären Subjekt, verursachte aber Hungerkatastrophen, Isolation, Armut, tyrannisierte sein Volk. Die „Kulturrevolution“ der roten Mandarine diskreditierte kommunistische Ideen und verwüstete China auch geistig.
Deng Xiaoping vollzog marktwirtschaftliche Reformen. Seither ist China eine „Entwicklungsdiktatur mit kommunistischer Fassade“. Ökonomische Dynamik kennzeichne das autoritäre Regime des Jiang Zemin; er fördert Privatunternehmer und beendete Maos Abschottung. In China blühe und gedeihe die zweitstärkste Volkswirtschaft der Welt. Schon jetzt gebe es mehr chinesische als japanische Ingenieure. 1,2 Milliarden emsige Chinesen klopfen an das europäisch-amerikanische Tor.
Allerdings plagen schwere soziale Krankheiten das Land – Arbeitslosigkeit, Inflation und horrende Umweltzerstörung. Nicht nur wirtschaftliche Effektivität interessiere die chinesische Regierung, sondern sie belebe den alten Reichspatriotismus. Irrlichtert Peking zwischen Tradition und westlicher Modernität? Langfristig könne China zur Demokratie finden.
Egmont
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