„Böhmische Dörfer“. Ein exzellenter historischer Rundgang
Manfred Alexander, emeritierter Professor, hat die selbst
gewählte Aufgabe, eine Bilanz der böhmischen Geschichte zu erstellen, hervorragend gelöst.
Böhmen pendelte 1000 Jahre lang zwischen Gegensätzen. Einerseits gehörte es zum mittelalterlichen Reich; der böhmische Kurfürst galt als einer der wichtigsten Träger weltlicher Herrschaft. Dennoch habe Böhmen seinen eigenständigen Charakter nie verloren und phasenweise Ostmitteleuropa dominiert.
Seit ottonischer Zeit unterstand Böhmen lehnsrechtlich der deutschen Krone, bewahrte aber relative Autonomie. Im Innern nahmen Hochadel, Ritterschaft und Städte am Regiment teil.
Böhmische Könige holten deutsche Siedler ins Land. Bald sprachen Städter vielfach deutsch, der Kleinadel redete tschechisch.
In der Zeit Karls IV., der die Prager Universität gründete, erlangte Böhmen geradezu „Weltgeltung“. Dann forderten hussitische Rebellen religiöse und politische Freiheit, ohne sie dauerhaft zu realisieren.
1526 begann der tendenzielle Niedergang. Böhmen geriet, obwohl wirtschaftlich stark, als „Erbkönigtum“ unter die Fuchtel der Habsburger. Während des 30-jährigen Krieges verlor die Region an der Moldau ihren „europäischen Rang“. Nach der Schlacht am Weißen Berg 1620 wurde die Ständeherrschaft gebrochen, das Verwaltungssystem zentralisiert, der Katholizismus zur Staatsreligion erhoben.
Nationale Unabhängigkeit begehrten die Tschechen im 19. und 20. Jahrhundert. Das „alte Nebeneinander der Sprachen“ verwandelte sich „in einen Kampf der Sprachen gegeneinander“.
Ursprünglich wollte Frantisek Palacky, der das Bewusstsein der tschechischen Nation wesentlich prägte, den habsburgischen Reichsverband beibehalten. Föderative Ideen scheiterten jedoch. Österreich, das starrsinnig und autoritär regierte, schlug tschechische Insurgenten brutal nieder.
Außerdem war Böhmen eine „gespaltene Gesellschaft“. Deutsche und Tschechen rivalisierten in der Landesverwaltung. Immer mehr Tschechen forderten die Unabhängigkeit, und viele Sudetendeutsche neigten zum Anschluss an das Reich.
Benes und Masaryk gründeten Ende 1918 die CSSR; innerer Konsens fehlte. Deutsche, Slowaken und andere nationale Minderheiten erlitten zahlreiche Diskriminierungen.
Das „Dritte Reich“ zertrümmerte die Tschechoslowakei und schuf ein „Protektorat“. Der „Verrat der Westmächte“ 1938 trieb Benes und seine Anhänger in Stalins geöffnete Arme. Benes wollte die CSSR neu gründen, Sudetendeutsche und Ungarn vertreiben. Daher benötigte er mächtige Freunde; auch Nichtkommunisten glitten in die babylonische Gefangenschaft der Sowjets. Erst zwei Jahrzehnte nach dem „Prager Frühling“ kam die Stunde der Freiheit.
Heute sehen nicht wenige Tschechen in Brüssel ein zweites habsburgisches Wien. Die traditionelle „Bipolarität“ der böhmischen Geschichte existiert offenbar weiter.
Egmont