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Kleine Geschichte der böhmischen Länder, Reclam Verlag, 2008

von : Egmont    

Autor : Manfred Alexander
„Böhmische Dörfer“. Ein exzellenter historischer Rundgang
Man­fred Alexander, emeritierter Professor, hat die selbst
gewählte Aufgabe, eine Bilanz der böh­mischen Geschichte zu erstellen,  hervorragend gelöst.
  Böhmen pendelte 1000 Jahre lang zwischen Gegensätzen. Einerseits gehörte es zum mittel­alterlichen Reich; der böhmische Kurfürst galt als einer der wichtigsten Träger weltlicher Herrschaft. Dennoch habe Böhmen seinen eigenständigen Charakter nie verloren und pha­senweise Ostmitteleuropa dominiert.
Seit ottonischer Zeit unterstand Böhmen lehnsrechtlich der deutschen Krone, bewahrte aber relative Autonomie. Im Innern nahmen Hochadel, Ritterschaft und Städte am Regiment teil.
Böhmische Könige holten deutsche Siedler ins Land. Bald sprachen Städter vielfach deutsch, der Kleinadel redete tschechisch.  
In der Zeit Karls IV., der die Prager Universität gründete, erlangte Böhmen geradezu „Welt­gel­tung“. Dann forderten hussitische Rebellen religiöse und politische Freiheit, ohne sie dau­erhaft zu realisieren.  
1526 begann der tendenzielle Niedergang. Böhmen geriet, obwohl wirtschaftlich stark, als „Erbkönigtum“ unter die Fuchtel der Habsburger. Während des 30-jährigen Krie­ges verlor die Region an der Moldau ihren „europäischen Rang“. Nach der Schlacht am Wei­ßen Berg 1620 wurde die Ständeherrschaft gebrochen, das Verwaltungssystem zentralisiert, der Katholizis­mus zur Staatsreligion erhoben.
Nationale Unabhängigkeit begehrten die Tschechen im 19. und 20. Jahrhundert. Das „alte Ne­beneinander der Sprachen“ ver­wandelte sich „in einen Kampf der Sprachen ge­gen­einan­der“.
 Ursprünglich wollte Frantisek Palacky, der das Bewusstsein der tschechischen Nation we­sentlich prägte, den habsburgischen Reichsverband beibehalten. Föderative Ideen scheiterten jedoch. Österreich, das starrsinnig und autoritär regierte, schlug tschechische Insurgenten brutal nieder.   
Außerdem war Böhmen eine „gespaltene Gesellschaft“. Deutsch­e und Tsche­chen rivalisier­ten in der Landesverwaltung. Immer mehr Tschechen forderten die Un­ab­hän­gigkeit, und  viele Sudetendeutsche neigten zum Anschluss an das Reich.
Benes und Masaryk gründeten Ende 1918 die CSSR; innerer Konsens fehlte. Deutsche, Slo­waken und andere nationale Minderheiten erlitten zahlreiche Diskriminierungen.
Das „Dritte Reich“ zertrümmerte die Tschechoslowakei und schuf ein „Protektorat“. Der „Verrat der Westmächte“ 1938 trieb Benes und seine Anhänger in Stalins geöffnete Arme. Benes wollte die CSSR neu gründen, Sudetendeutsche und Ungarn vertreiben. Daher benö­tigte er mächtige Freunde; auch Nichtkom­munisten glitten in die babyloni­sche Ge­fangen­schaft der Sowjets. Erst zwei Jahrzehnte nach dem „Prager Früh­ling“ kam die Stunde der Freiheit.  
Heute sehen nicht wenige Tschechen in Brüssel ein zweites habsburgisches Wien. Die tradi­tionelle „Bipolarität“ der böhmi­schen Geschichte existiert offenbar weiter. 
Egmont 
Veröffentlicht am: Oktober 12, 2008
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