Kapitel 1 - Die geographische Beschreibung Germaniens
Originaltext -
Übersetzung - Kommentar
Germania omnis a Gallis Raetisque et Pannoniis Rheno et Danuvio fluminibus, a Sarmatis Dacisque mutuo metu aut montibus separatur.
Germanien wird ganz von den Galliern, den Raetiern und den Pannoniern durch den Rhein und die Donau getrennt, von den Sarmatiern und Daciern durch gegenseitige Furcht und Berge.Hier beschreibt Tacitus zuerst die nächsten Nachbarn der Germanen und - damals politisch besonders wichtig- die "schützenden"
Abgrenzungen Flüsse und Berge. Besonders schön ist die Konstruktion "durch gegenseitige Furcht und Berge", wobei er kein Wort darüber verliert, welche Trennung die effektivere ist.
Der Beginn seiner "Germania" erinnert auch an den Anfang des berühmten "Bellum Gallicum" von Gaius Julius Caesar ("
Gallia est omnis divisa in partes tres...")
Cetera Oceanus ambit, latos sinus et insularum inmensa spatia complectens, nuper cognitis quibusdam gentibus ac regibus, quos bellum aperuit.
Weiterhin umgibt sie der Ozean, der weite Buchten und gigantisch große Inseln umfasst, wo neulich etliche Stämme und Könige kennengelernt wurden, die der Krieg in Erscheinung treten ließ.
Hinter dem hier genannten Ozean war für die Römer das
Ende der Welt erreicht. Bezeichnend ist, dass die hier genannten neuen Völker
durch Krieg und nicht durch Handel entdeckt wurden. Welcher Krieg Tacitus hier als Grundlage der Entdeckung sieht wird nicht genannt, jedenfalls ist die Schlacht am Teuteburgerwald (9 n.Chr.) schon lange vorrüber.
Rhenus, Raeticarum Alpium inaccesso ac praecipiti vertice ortus, modico flexu in occidentem versus septitrionali Oceano miscetur.
Der Rhein, der auf einem unzugänglichen und abschüssigen Gipfel der Alpen Raetiens entspringt, mündet nach einer kleinen Windung nach Westen in der Nordsee. Danuvius molli et clementer edito montis Abnobae iugo effusus pluris populos adit, donec in Ponticum mare sex meatibus erumpat.
Die Donau entspringt einem weich und sanft ansteigenden Hügels im Schwarzwald und wendet sich verschiedenen Völkern zu, bis sie mit sechs Armen ins Schwarze Meer mündet.
Die relativ genaue Beschreibung der Flüsse zeugt von ihrer Wichtigkeit im
militärstrategischen und ökonomischen Sinne. Auch die Reisen auf den Flüssen war im stark bewaldeten Germanien einfacher. Deshalb wusste man in Rom wohl auch am meisten über die großen Flüße Germaniens.
Zusätzlich knüpft Tacitus damit auch an die Rhein Beschreibung Caesars an.
Septimum os paludibus hauritur.
Die siebte Mündung wird durch Sümpfe aufgenommen.
Das hier verwendete Wort "hauriri" bedeutet eigentlich "aufsaugen". Die häßlichen Sümpfe saugen die Donau also wie eine Art Monster aus. Das Wort
Sumpf verknüpft Tacitus gerne mit dem düsteren Germanien.
Alles in allem zeigt die dürftige geographische Beschreibung wie wenig die Römer tatsächlich über dieses wilde, dunkle Land wussten. Die als Einleitung gewählte Beschreibung der natürlichen Umgebung der Germanen zeigt, wie wichtig damals die Lebensgrundlage für die Charakter- und Volksbildung gehalten wurde. Um es genau zu sagen: Aus einem solch rauhem und dunklen Land kann nur ein rauhes, ungesittetes Volk entspringen.
Für eine allgemeine Besprechung der Germania und weitere Kapitel siehe meine anderen Besprechungen.
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