Kapitel 2 - Die antiken und mystischen Ursprünge der Germanen und ihres Namens
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Übersetzung - Kommentar
Ipsos Germanos indigenas crediderim minimeque aliarum gentium adventibus et hospitiis mixtos, quia nec terra olim sed classibus advehebantur, qui mutare sedes quaerebant, et immensus ultra utque sic dixerim adversus Oceanus raris ab orbe nostro navibus aditur.
Ich halte die Germanen selbst für Ureinwohner und für sehr wenig durch Einwanderung und Gastfreundschaft gegenüber fremder Völker vermischt, weil die, die ihren Wohnsitz zu wechseln wünschten, einst nicht über Land, sondern mit Flotten ankamen, und weil darüber hinaus das rießige und - wie ich es nenne - wiedrige Weltmeer selten von unserem Erdkreis aus mit Schiffen bereist wird.
An dieser Stelle scheint sich Tacitus nicht sicher über die Korrektheit seiner Angaben. Er glaubt (credere!), dass die Germanen
Ureinwohner sind. Wohl eher, weil es zu seiner Beschreibung passen würde. Seine Begründungen scheinen etwas fadenscheinig. Er gibt ja auch zu, dass die Römer kaum etwas über das Weltmeer wissen.
Die Aussage die Germanen seien kaum
mit fremden Völkern "vermischt", ähnelt sehr stark den schaurigen Gedanken im
Dritten Reich. Tatsächlich wurde die Germania von Tacitus in dieser Zeit oft
als Legitimation herangezogen. Die "Reinheit" der Germanen ist durch Tacitus wohl eher im Vergleich mit den Galliern beschrieben worden, die sich - nach der Eroberung durch Caesar - relativ schnell der römischen Kultur angepasst haben. Die französische Sprache (eine der ROManischen Sprachen) ist ein starker Beleg dafür. Und - wie wir heute wissen - ist letztlich kein Volk wirklich Ureinwohner, denn die Entstehung des Menschen in Ostafrika scheint so gut wie sicher.
Quis porro, praeter periculum horridi et ignoti maris, Asia aut Africa aut Italia relicta Germaniam peteret, informem terris, asperam caelo, tristem cultu aspectuque, nisi si patria sit?
Wer würde ferner, gegen die Gefahr des schrecklichen und unbekannten Meeres, nachdem er Asien, Afrika und Italien verlassen hat, nach Germanien streben, mit häßlichen Landschaften, rauhem Klima und finsterer Kultur und Anblick, wenn es nicht die Heimat wäre?
Hier kommt etwas der
römischen Arroganz zu tragen. Wer würde denn nicht im römischen Reich leben wollen (mit Asien ist hier der von den Römern kontrollierte nahe Orient und mit Afrika das von den Römern kontrollierte Nordafrika gemeint). Die Germanien zugeschriebenen Attribute "
häßlich, rauh und finster" sind typisch für die Germanien-Beschreibungen Tacitus.
Celebrant carminibus antiquis, quod unum apud illos memoriae et annalium genus est, Tuistonem deum terra editum.
Sie feiern mit alten Liedern, die die einzige Art des Gedenkens und der Geschichtsschreibung bei ihnen sind, den aus der Erde geborenen Gott Tuisto. Gerade die
Geschichtsschreibung ist für Tacitus natürlich sehr wichtig (vgl. Annales und Historiae). Den Gott Tuisto kennen wir heute nicht mehr.
Ei filium Mannum originem gentis conditoresque Manno tres filios adsignant, e quorum nominibus proximi Oceano Ingaevones, medii Herminones, ceteri Istaevones vocentur.
Diesem schreiben sie den Sohn Mannus zu, den Ursprung und Gründer des Volkes. Und Mannus schreiben sie drei Söhne zu, nach deren Namen sich die, die dem Ozean am nächsten leben, Ingävonen, die in der Mitte lebenden Herminonen und die übrigen Istaevonen nennen.
Hier erfahren wir, dass die Germanen dem Sohn Mannus als Ursprung des Volkes sahen. Der Name Hermionen erinnert an den bekannten germanischen Namen Herrmann.
Quidam, ut in licentia vetustatis, plures deo ortos pluresque gentis appellationes, Marsos, Gambrivios, Suebos, Vandilios adfirmant, eaque vera et antiqua nomina.
Einige behaupten, da die Frühzeit viel Spielraum lässt, dass der Gott mehrere geboren habe und es dadurch mehrere Volksbezeichnungen gäbe - die Marser, Gambrivier, Sueben und Vandilier - und sie behaupten dies wären die echten und alten Namen.
Es ist ganz natürlich, dass sich auch die anderen Völker als von diesem
Gründergott abstammenden sehen wollten. Sehr interessant sind hier die Namen
Sueben (Sweden?) und
Vandilier (Vandalen).
Ceterum Germaniae vocabulum recens et nuper additum, quoniam, qui primi Rhenum transgressi Gallos expulerint ac nunc Tungri, tunc Germani vocati sint.
Übrigens soll die Bezeichnung Germanien erst recht kürzlich hinzugefügt worden sein, da die, die als erste den Rhein überschritten haben, die Gallier zurückdrängten und jetzt Tunger, damals aber Germanen genannt wurden.
Dieser Stamm scheint der von Caesar beschriebene zu sein, der mit den Galliern Krieg führte (De bello gallico, I 1,4).
Ita nationis nomen, non gentis, evaluisse paulatim, ut omnes primum a victore ob metum, mox et a se ipsis invento nomine Germani vocarentur.
So kam allmählich der Name eines Stammes, nicht der des Volkes in Gebrauch, sodass - nachdem sich der Name gefunden hatte - alle zuerst vom Sieger aus Furcht, bald auch von sich selbst Germanen genannt wurden.
Ähnlich des Namens der Römer, der eigentlich auch nur die in der
Stadt Rom lebenden bezeichnet, später aber alle, die im römischen Reich leben.
Es ist nur natürlich, dass Tacitus mit dem
mystischen Ursprung der Germanen im zweiten Kapitel beginnt. Tacitus zählt hier aber nicht alle germanischen Stämme auf. Ob der Grund dafür mangelndes Wissen, oder vermutetes mangelndes Interesse beim Leser ist, ist nicht klar.
Für eine allgemeine Einleitung in die Germania oder für eine Besprechung der anderen Kapitel, siehe meine anderen Einträge.
Mehr Rezensionen über Germania - Kapitel 2 (De origine et situ germanorum, über den Ursprung und die Lage der Germanen)