Germania - Kapitel 3: Sagengestalten in Germanien und Kriegsgesänge
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Kommentar
Fuisse et apud eos Herculem memorant, primumque omnium virorum fortium ituri in proelia canunt.
Sie erinnern sich daran, dass auch Herkules bei ihnen gewesen sei, und besingen ihn zuerst von allen tapferen Männern, wenn sie in die Schlacht ziehen wollen. Da Herkules eine
Sagengestalt ist, war er wohl nicht in Germanien. Vielleicht gibt es aber auch bei den Germanen eine Heldenfigur, die entweder einen
ähnlichen Namen wie Herkules hatte oder ähnliche Taten vollbracht hat.
Sunt illis haec quoque carmina quorum relatu, quem baritum vocant, accendunt animos futuraeque pugnae fortunam ipso cantu augurantur;
Jene haben auch andere Lieder, durch deren Vortrag, den sie Barditus nennen, sie sich dem Mut nähern und sie das Schicksal zukünftiger Kämpfe durch den Gesang selbst zu erraten suchen. Den Mut durch
Schlachtgebrüll zu gewinnen ist nicht ungewöhnlich, jedoch die Praxis der
Zukuntslesung scheint ungewöhnlich. Vielleicht ist es sogar denkbar, dass dadurch einige Kämpfe abgewendet werden konnten. Die Gruppe mit dem wilderen Schlachtruf wurde dadurch zum Sieger, dass sich die anderen aus Furcht zurückzogen.
Terrent enim trepidantve, prout sonuit acies, nec tam vocis ille quam virtutis concentus videtur.
Sie fürchten sich nämlich oder sind unsicher, je nachdem wie die Kampflinie getönt hat, ihnen erscheint jenes Zusammentönen weniger wie das der Stimmen, als das der Tapferkeit.
Adfectatur praecipue asperitas soni et fractum murmur, obiectis ad os scutis, quo plenior et gravior vox repercussu intumescat.
Die Rauhheit des Tones und ein schmetterndes Getöse wird besonders erstrebt, während sie sich die Schilder vor den Mund halten, wodurch die wiederhallende Stimme voller und schwerer anschwillt.
Scheinbar waren dies die ersten mikrophonartigen Gebilde der Germanen. Kampfschilde aus Holz zur
Schallverstärkung. Das muss auf die römischen Legionen wirklich Eindruck gemacht haben.
Ceterum et Ulixen quidam opinantur longo illo et fabuloso errore in hunc Oceanum delatum adisse Germaniae terras, Asciburgiumque, quod in ripa Rheni situm hodieque incolitur, ab illo constitutum nominatumque;
Übrigens glauben auch einige, dass Odysseus während jener langen und sagenreichen Irrfahrt in diesen Ozean getrieben worden ist und in den Landschaften Germaniens war und Asciburgium von jenem gegründet und benannt wurde, das am Ufer des Rheins liegt und heute bewohnt wird.
Wiederum eher unwahrscheinlich, dass Odysseus wirklich in Germanien war und diese Stadt gründete. Typisch aber, dass man seinen Ursprung auf
berühmte Personen zurückführen will. Ob das mit Odysseus aber die Idee der Germanen selbst war, ist sehr fragwürdig.
Aram quin etiam Ulixi consecratam, adiecto Laertae patris nomine, eodem loco olim repertam, monumentaque et tumulos quosdam Graecis litteris inscriptos in confinio Germaniae Raetiaeque adhuc extare.
Es ist ja sogar noch ein von Odysseus geweihter Altar vorhanden, dem der Name seines Vaters Laertes hinzugefügt ist und der einst an dem gleichen Ort aufgefunden wurde. Dazu sind Standbilder und etliche Grabhügel mit griechischen Buchstaben an der Grenze zwischen Germanien und Rätien bis jetzt vorhanden.
Die Tatsache, dass
griechische Buchstaben an der Grenze Germaniens gefunden wurden, kann viele Gründe haben, die Griechen sind sowohl als
Händler als auch als
Expansionisten bekannt.
Quae neque confirmare argumentis neque refellere in animo est: ex ingenio suo quisque demat vel addat fidem.
Ich will dies weder mit Argumenten bestätigen, noch wiederlegen: jeder schlägt es gemäß seinen eigenen Gedanken ab oder setzt Vertrauen darauf.
Hier zeigt wohl Tacitus, dass er auch nicht so ganz hinter diesen Geschichten steht.
Alles in allem versucht das dritte Kapitel der Germania Germanien in den
mythischen Kontext des antiken Mittelmeerraumes anzubinden und benutzt dazu die beiden bekanntesten griechischen Helden, von denen auch eine ausserordentliche Reisefreudigkeit bekannt ist (Odysseus: Irrfahrt; Herkules: Vollendung der ihm gestellten Aufgaben).