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Unter uns - Wunderjahre

Review by : Matze
Besucher : 16  Wörter: 900   Veröffentlicht am: April 13, 2008
Sich vom Menschen abzuwenden und ihn über den Umweg der Strukturen, welche in jedem Teil der Natur wie Steinen, Holz oder Bodenformationen zu finden sind, wieder zu finden, mag zunächst etwas kurios anmuten. Nicht jedoch wenn einem die Vielschichtigkeit des Gesamtwerkes bekannt ist. Haimo Hieronymus kann man als einen Künstler der Vielfalt bezeichnen. Sein Schaffen wählt Motive und Materialien, welche eigene sinn- und sinnenvolle Zusammenhänge in ihrer gegenseitigen Befragung erzeugen. Er sucht überall nach und findet Anstöße zu seiner Kunst, dabei werden auch die Grundlagen der eigenen kulturellen Geschichte nicht vergessen, sowohl die gern verdrängten, als auch die von jedem für sich beanspruchten. Er weiß um die Wurzeln des Sehens und der Komposition von visuellen Texten. Jegliche Struktur ist immer mehr als ein sich bald auflösendes Knäuel von Linien, jegliche Gestalt immer mehr als der äußere Schein des Augenblicks. Er versucht die Zeit-Raum-Seinszusammenhänge zu erkunden, mal rein grafisch unter Verweis auf die literalen geschichtlichen Kontextbeziehungen, hier dann in seinen Künstlerbüchern und den begleitenden Werken, mal malerisch, dann unter Verwendung der alten Techniken Tempera, Enkaustik, Öl- und Leimfarben, aber auch die Objektkunst und Performance scheint ganz natürlich in diese Prozesse eingebettet. Sein Tun entwickelt sich zu dynamischen Progressionen, deren Ziel nie ganz abzusehen ist, sich manchmal auch verläuft.Die Bewegungen bergen Überraschungen, lassen unerwartete Formen aufblühen, verweisen zuweilen auch schon mal auf künstlerische Vorbilder, sie ganz ironisch ernst zu nehmen, befragend, nicht aber verwerfend. Dabei überlässt sich der Zeichner nicht dem Zufall, er greift steuernd ein und zu. Die Tätigkeit wird grundsätzlich geleitet von Wissen und Willen. An dieser Grenze zu ständig selbstreflexiver Tätigkeit entsteht ein Neuschaffen von Ideenkonzepten. In diesem Feld von konzentriertem Tun finden die Figuren ihren Platz, nicht immer dort, wo wir sie erwarten werden, immer aber an der richtigen Stelle. Jede Figuration bindet verschiedene Gestaltungsprinzipien zu einem Konglomerat, oft auch in sich fraglich, aber kraftvoll. Er ringt mit seinen Darstellungen um die Form. Er lässt den Betrachter die Kraft und innere Selbstzweifelhaftigkeit spüren, die Werke zeigen die Fragilität von nicht zu bändigendem Lebenswillen. Haimo Hieronymus wird in seinem Werk von seinem Werk, von den manchmal irrwitzigen Ideen getrieben, er kann nicht festmachen, betreibt eine verzehrende Jagd von Bild zu Serie, zu Idee und Möglichkeit. In die Zeit geworfen, stellt er diese bloß.Haimo Hieronymus stellt sich Fragen, die sich, nimmt man die Entdeckung der perspektivischen Erfassung der Realität in der Malerei der italienischen Renaissance, schon an die alte Kunst stellen lassen. Aber viel mehr noch, spätestens seit Breton für den Surrealismus die Praxis der écriture automatique propagierte, an künstlerische Entwicklungen der jüngeren Moderne des 20. Jahrhunderts. Es hat hier – und dies gilt für die aktuellsten bildnerischen Ausdrucksformen in besonderem Maß – der Prozess, der dem Ergebnis vorausgeht, zunehmend an Bedeutung gewonnen. So sehr, dass oft der Vorgang der Entstehung selber Stoff und Thema der Werke ist: Ist es wichtig, von einem Ergebnis zu wissen oder daran zu erkennen, wie es dazu gekommen ist? Um die Frage zu verengen in Hinsicht auf künstlerische Lösungen: Wie entscheidend ist der Prozess der Entstehung zum Beispiel eines gemalten Bildes für dessen Wirkung, für die Ausstrahlung, die Kraft des Resultats, seinen Betrachter nachhaltig zu beschäftigen, vielleicht ihn zu berühren? Zählt nicht einzig, was wir schließlich vor Augen haben?Im Zeitalter der kulturellen Globalisierung und Traditionsverschiebungen bleibt der Mensch als strauchelndes Wesen auf den Straßen der Zivilisationen zurück und sucht nach den Bruchstücken seiner selbst. Der allseits flexible Mensch des 21. Jahrhunderts in seiner Geworfenheit ist das Thema des bildenden Künstlers Haimo Hieronymus. In den entrücktesten Motiven glaubt man ein Déjà–vu längst verblasster Träume auftauchen zu sehen, etwas Irreales haftet diesen bald mehr ins Impressionistische, bald mehr ins Abstrakte gekippten Zeichnungen an. Die visuellen Störfelder sind den gezeichneten Gemäldenen paradoxerweise als nahtlos infiltrierte, rein imaginäre Wirklichkeit eingeschrieben. Medial erweiterte Malerei zwischen inneren und äußeren Eingebungen, in der jede Homogenität von Raum oder Zeit in unzählige Erlebnispartikel zersprengt ist. Haimo Hieronymus definiert die Konturen und lasiert das Inkarnat als unmodulierte Flächen, die den Körperformen nicht folgen, sondern luftige, getrocknete Seen bilden, die das Papier an den Rändern sich kräuseln lassen. Bildarbeit als Transformation. Häufig wirken sie flüchtig, wenngleich manche Figuren fast nur aus Substanz, etwa Schellack oder Wachs, bestehen. Das transitorische Element, das seine Kunst durchzieht, macht sich bei der Präsentation bemerkbar. Etwas Improvisiertes lebt in der Syntax seiner Malerei, wir Sehen das Offensichtliche nicht, weil es sichtbar ist, es wird unsichtbar, wenn wir es sehen.Haimo Hieronymus begreift das Papier als Spannungsfeld polarer Gegensätze, die er souverän überblickt. Seine Meisterschaft beruht auf seinen Kompositionen mit der einzigartigen Verbindung von Form und Farbe, bei der aber die Freiheit des Pinselstrichs, die Spontaneität des Eindruckes, kurz: die Impression, eine ungleich nachrangige Bedeutung hat. Er verzichtet auf Interpretationen von einzelnen Figuren, beruft sich vielmehr auf die Logik der Komposition und die innere visuelle Freiheit des Künstlers. Gerade in der Lebendigkeit des Farbauftrags, der zunehmenden Verselbstständigung des malerischen Pinselstrichs, der sprunghaften Eigenheit der Linie von seiner gegenstandsbezeichnenden Funktion erkennt man seine Handschrift. Haimo Hieronymus erreicht mit seiner Arbeitsweise, dass auf zahlreichen Zeichnungen nicht nur der visuelle Sinn des Betrachters angesprochen wird, sondern die synästhetische Wahrnehmung.Matthias Hagedorn25.04. -24.05.2008 ArtGalerie Siegen / Fürst-Johann-Moritzstr. 1 / 57072 Siegen / Tel. 0271 339603Über Künstlerbücher unter: http://www.kultura-extra.de/literatur/litera tur/rezensionen/Kuenstlerbuch_Idole_Weigoni_Hieronymus_2007.php

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