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Mehr direkte Demokratie wagen

von : Egmont    

Autor : Herman K. Heußner Otmar Jung
Hermann K. Heußner, Otmar Jung (Hg.),  Mehr direkte Demokratie wagen. Volksentscheid und Bürgerentscheid: Geschichte,
Praxis, Vorschläge, 2., völlig überarbeitete Auflage, Olzog Verlag, München 2009, 477 Seiten, 34, 90 Euro.

„Wir sind das Volk!“ Müssen bald auch westliche Obrigkeiten zittern? In diesem hochklas­sigen Buch untersuchen Sozialwissenschaftler und Staats­rechtler die Tücken der  „real existie­renden Demokratie“.
Das Grundgesetz beschränke Volkssouveränität auf den punktuellen Wahlakt; es begünstige Parteioligarchen und Lobbyisten, die „vom Volk unbehelligt“ regieren.
Richtig entdecken die Autoren das Kernproblem in der Ideologie des Liberalismus. Europa, die USA und Lateinamerika stöhnen unter seiner Knute. „Der herrschaftlich werdende Libe­ralismus“ bekämpft echte Selbstbestimmung. „Liberale Eliten“ verteidigen erbittert jene „ge­wachse­nen Machtballungen“, die  Parteien und Verbände errichtet haben.  
Im Westen siegte die wirtschaftsliberale Strömung, deren Ahnherr, John Locke, den „Be­sitzindividualismus“ erfand. Locke subsumierte jegliches Eigentum der Privatsphäre, die er politischen Einflüssen entzog. Gemäß der liberalen Lehre habe der Staat erstrangig das indi­viduelle Eigentum zu schützen. Daher opferte die „Besitzbürgerschaft“ in England und Frank­reich oft  „lieber die Freiheit als ihre Interessen“.
Streng repräsentative Systeme erleichtern die Dominanz begüterter Oligarchien, sodass „wirtschaftliche Macht“ selten zur Debatte stehe. Der Liberalismus macht „das au­tonome In­dividuum zum Sklaven der Konkurrenz“. Einer der Päpste liberaler Ideologie, John Adams, zweiter amerikanischer Präsident, sagte: „Demokratie führt dazu, alles anzufechten, alles nie­derreißen zu wollen“.
Derzeit kopiere die Politik nur Mechanismen des Marktes. Parteien und Lobbygruppen wett­eifern um staatliche Macht, wobei sie Stimmzettel wie Aktien handeln. Staat und Bürger­schaft gel­ten als ge­trennte Bereiche.
Zu fordern sei die aktive und gleichberechtigte Teilnahme der Bürger am demokratischen Prozess. Durch „diskursive Beratung“ entstehe die „mehrheitliche Vermutung des Richtigen“.
Dennoch gehe es keineswegs darum, Parlamente und Par­teien abzuschaffen. Vielmehr sollen direktdemokratische Elemente die Bürger­ferne des reprä­sentativen Systems überwinden.
Freilich bleibt ungeklärt, ob mehr Demokratie auch ein größeres Maß an sozia­ler Gerechtig­keit erfordert.
Was ist unter „direkter Demokratie“ zu verstehen? Wichtige Fragen unter­lägen hierbei dem Volksentscheid. Jeder politischen Initiative, die ausreichenden Zuspruch erhält, solle eine Volksabstimmung folgen.
Die Schweiz offenbare, wie gut Demokratie funktionieren kann. Zwischen 1802 und 1874 führten die Schweizer ein System der Volksabstimmungen ein, das Bürgerentscheide über Verfassungen und Gesetzesanträge erlaubt.  
Sogar 21 Bundesstaaten der USA kennen Volksabstimmungen bezüglich der gleichen Sach­fragen wie die Schweiz. Dieses Recht erkämpften sich Amerikaner im frühen 20. Jahrhundert, als sie Großkonzernen entgegentraten.  
Plebiszitäre Normen in das Grundgesetz aufzunehmen, gelang nach der Wiedervereinigung nicht. Nochmals hätten die Anhänger „elitärer Repräsentation“ triumphiert.  
Heute belagern immer mehr Bürger die Zitadelle der Obrigkeit. „Nichts ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“.
Rolf Helfert  
Veröffentlicht am: April 14, 2009
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