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Antichrist

von : sardonicus    


Seit seiner Premiere beim Filmfestival in Cannes 2009 sind wahre Bibliotheken über Lars von Triers´ „ANTICHRIST“ geschrieben
worden. Wie so oft stößt der dänische Regisseur die Zuschauer vor den Kopf - diesmal vor allem mit der Theorie, dass nicht Gott, sondern Satan die Welt geschaffen habe -, weshalb die Kritiken und Meinungen weit auseinander gehen: Die einen finden seinen neuen Film ekelhaft und abstoßend, andere werfen ihm Frauenfeindlichkeit und Egomanie vor, und wieder andere loben ihn in den höchsten Tönen und bezeichnen „ANTICHRIST“ als den wichtigsten Beitrag des diesjährigen Festivals. Aber niemand scheint in der Lage zu sein, den Film in seiner Gesamtheit zu verstehen und zu würdigen. Diejenigen, die ihn loben, fühlen sich gleichzeitig verpflichtet ihn zu hassen, während diejenigen, die ihn in Grund und Boden verdammen, den film gleichzeitig für unvergesslich halten. „ANTICHRIST“ ist ein (Alp)Traum auf Zelluloid, der einem von der ersten Einstellung an einiges an Aufmerksamkeit und Verständnis abverlangt.
„ANTICHRIST“ wurde als Horrorfilm etikettiert, aber das ist wahrscheinlich falsch. Es gibt an dem Film einfach zu viele Dinge, über denen ein Hauch von Un- oder Überwirklichkeit und Unwägbarkeit schwebt. Man kann sich in seiner Einschätzung nie ganz sicher sein. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich den Film überhaupt mag. Aber immer, wenn ein Werk einen dermaßen bleibenden Eindruck hinterlässt, verdient es Wertschätzung. Also was ist „ANTICHRIST“ eigentlich? Zuerst ist es ein Arthouse-Film – ein Film über tief sitzenden psychologischen Horror, über Glauben und Emotionen. Dann eine Kombination aus persönlicher Therapie für Regisseur und Drehbuchautor Lars von Trier und gewalttätiger Konfrontation für die Zuseher. „ANTICHRIST“ ist ein Film mit sehr einfach gehaltener Handlung, aber jeder Menge unterschwelliger Symbolik und einem extrem verstörenden Finale. Den Horrorfan werden wahrscheinlich die Anspielungen auf die Wicca-Mythologie, die mit dem Dämonischen spielende Bildsprache und das heftige Blutvergießen in den letzten zwanzig Minuten ansprechen. Jeder Filmfan wird überwältigt sein von der unglaublichen Schönheit der Bilder – der mit dem Oscar ausgezeichnete Kameramann Anthony Dod Mantle hat ganze Arbeit geleistet – und überrascht sein, wie lange der Film in einem nachwirkt.
Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg dominieren den Film von der ersten Einstellung bis zur letzten als Ehepaar, das am plötzlichen Unfalltod seines kleinen Sohnes zu zerbrechen droht (Lars von Triers Zynismus kommt in der Anfangssequenz, in der man den Buben in Zeitlupe zu Tode stürzen sieht, während die Eltern im Nebenzimmer leidenschaftlichen Sex haben, auf grandiose Weise zum Ausdruck). Dafoe spielt einen Therapeuten, der der Situation mit wissenschaftlicher Distanz begegnet und seine emotional zerrüttete Frau behandeln möchte. Sie ziehen sich in eine Hütte - mit dem viel sagenden Namen „Eden“ - tief im Wald zurück und beginnen mit einer Reihe therapeutischer Übungen, die nach und nach immer tiefer liegende Bereiche menschlicher Trauer und Verzweiflung offen legen. Schon nach kurzer Zeit beginnen sich erste persönliche Dämonen zu materialisieren und der Wald scheint zum Leben zu erwachen.
Mehr über die Handlung zu verraten, wäre eine Schande, aber die Handlung ist sowieso von untergeordneter Bedeutung. Was uns Lars von Trier stattdessen beschert, ist im Horror-orientierten Kino äußerst selten: eine pures Kinoerlebnis. Ihm geht es in erster Linie um das Zusammenfügen von Bild und Ton zu einem überwältigenden Ganzen, um das Erzielen emotionaler Wirkung. Sie werden sich kaum um die dürftige Handlung kümmern, denn sie werden zu sehr in Anspruch genommen sein von den geradezu erschreckenden visuellen Reizen, den an das Unterbewusste appellierenden Geräuschen und der Originalität der dargebotenen Einfälle. Wenn Sie sich auf „ANTICHRIST“ einlassen und den Film auch nur ansatzweise verstehen, dann ist er wie ein Faustschlag in die Magengrube. Wenn sie sich auf das audiovisuelle Spektakel nicht einlassen, werden Sie vermutlich in den Chor der Kritiker einfallen, die das Werk chauvinistisch, egozentrisch oder verabscheuungswürdig nennen.
In welchem emotionalen Zustand auch immer Sie die Vorstellung verlassen, „ANTICHRIST“ ist ganz anders als die übliche Filmkost, die einem heutzutage vorgesetzt wird – ein wunderschöner Film über Tod, Trauer und die Absurdität menschlicher Emotionen. Lars von Triers neuestes Werk ist zugleich Tribut an Andrej Tarkowskij und August Strindberg und Zeugnis für die Fähigkeit des Regisseurs, seine Darsteller zu außergewöhnlichen Leistungen zu motivieren.
„ANTICHRIST“ ist ein Film, den ich jedem ans Herz lege. Selbst wenn er Ihnen nicht gefallen sollte, werden Sie verblüfft sein und die Bilder lange nicht aus dem Kopf bekommen. Bleibt nur zu hoffen, dass Sie dieses kontroversielle Meisterwerk ungekürzt bewundern können.
P.S.: der Film enthält einige harte Szenen von Genitalverstümmelung und etwas echten Sex (Pornodoubles).
Veröffentlicht am: September 01, 2009
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