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Der Spiegel (weekly)

Summary rating: 2 stars 8 Kritik
Review by : hugo
Besucher : 564  Wörter: 900   Veröffentlicht am: August 06, 2005
Die Kinder des Sozialismus

Tja, so geht es halt zu. Die Dummheit derjenigen, die sich berufen fühlen, öffentlich und voller tiefer Überzeugung etwas zum Stand der Welt sagen zu müssen, nimmt ja nun nicht ab. Im Gegenteil, sie gibt sich zunehmend dreister und man kann gar nicht damit nachkommen, all jene stumpfsinnigen Kommentare zu protokollieren oder gar zurechtzurücken - was freilich kaum weniger fruchtlos sein mag, als ein Häufchen Hundescheiße zu überreden, ins Tütchen zu springen -, die landauf und landab in eben jenem, diesem unserem Lande auf die medialen Trottoirs danieder fallen.
Da hat nun jüngst der gute und sich allemal zum Guten berufen fühlende Herr Schönbohm, den man ja auch aus der Vergangenheit als jemanden kennt, dessen tief gründend niveauvolle Bemerkungen immer mal wieder eine anständige und anständig brachiale Diskussion anzuregen vermochten, nun doch in einem wahrlich genialen Federstrich ausgeführt, dass das Töten von Neugeborenen sich gewissermaßen nahezu gradlinig daraus herleite, dass die DDR, die ehemalige, das private Eigentum gering geschätzt und, was man vielleicht noch so gerade eben verstehen könnte, in Sachen Schwangerschaftsabbruch eine, in den Augen einiger wenigstens, allzu, ja, liberale Haltung eingenommen habe – wie wir sein merkwürdiges Wort von der ‚Proletarisierung’ einmal genauer zu füllen versuchen. Dass aber nun die in dieser so im Ganzen schon abscheulichen Gesellschaftsordnung erlernten wie erlebten Verhaltensweisen, gleichwohl manch einer oder, in diesen Fällen dann doch eher, manch eine der Täterinnen, die Schönbohm hier ja ohnehin nur zum Exempel will, soweit sie als späte Repräsentanten dieser Gesellschaftsordnung von ihm identifiziert worden sind, diese so weit reichend gar nicht mehr kennen zu lernen die rechte Muße hatten . . . - aber lassen wir das, es geht ihm ja doch nur darum, zu behaupten, dass die die letztlich noch über Jahre hinaus wirkenden wahren Ursachen der Kindstötungsdelikte sind. Und solche Behauptungen waren noch nie durch Hinweise etwa auf reale Vorgänge zu beeindrucken.
Diese These verrät nicht nur eine erschütternde Blödigkeit, die freilich heuer nicht nur wenig ehrenrührig scheint, sondern zu, wenn in dem Fall auch einer leicht angeschlagenen, Wählbarkeit, bevorzugt für demokratische Ämter, führt, sondern sie gibt natürlich auch ein hervorragendes Beispiel für eine überaus korrekte gedankliche Ableitung und potente kausale Verknüpfung zwischen beliebigen und oftmals gleich schon an sich unsinnigen Prämissen ab, worin sich nicht nur, aber doch auf eine besonders charmante Art der Herr Schönbohm von Herzen auskennt.
Und selbstredend melden sich unterstützend auch gleich die zu Wort, die zu glauben haben, sie kennten sich darin nicht minder aus und könnten allemal mithalten, wie jener hoch bestallte Polizeipsychologe, Leiter von irgendwas und ehemals selbst im fetten Ministerrange – ich kann mir Namen nun einmal nicht merken -, der ohnehin mit leicht trübem, aber unauslotbar treuherzigem Jagdhundblick in dieser oder jener Nachrichtensendung staubtrocken dahersalbadert, warum und wie die eine oder andere Scheußlichkeit, die in der Welt sich zuträgt, sich hintergründig vorbereite und vollziehe, der in besagtem Fall doch gleich assistierend eine Statistik vorhält, dass das Risiko für ein Neugeborenes auf dem Gebiet der Ex-DDR ermordet zu werden, um das 6-fache höher liegt als auf dem Gebiet der so genannten alten Bundesländer.
Ja nun, das macht alles klar.
Auf die Idee nun etwa zu kommen, dass das kontinuierliche Anwachsen sozialer Not, das Verschwinden eines wie dünn auch immer ausfallenden Zukunftshorizonts, die immer unverborgener und aggressiver geratende Überfordertheit der Menschen, sowohl die der Täter als auch die der Umstehenden, an der die nicht gerade herzenswarmen Sozialgesetze der dicker oder doch breiter gewordenen Republik Anteil tragen, die bloß an eine tollwütige Kauflustigkeit und dünnschissige Medienkultur solide angedockte Orientierunnggslosigkeit der Menschen darin, einen ungleich passenderen - vielleicht, wir lassen da mit uns reden - Hintergrund für solches individuelles, soziales und eben auch institutionelles Versagen abgäben, scheint wohl nicht gradlinig gedacht genug – oder doch allzu sehr.
Es wird freilich nicht die letzte überragende Dummdreistigkeit bleiben, mit der sich Schlagzeilen generieren lassen. Wer führt eigentlich die Statistik, in der man derart rabiate Entgleisungen nicht nur des Herrn Schönbohm, sondern deutscher Politiker und auch, weil sie sich meanwhile auch auf diese Bühne drängen, deutscher Wirtschaftsführer auflistet? Und wer käme dann, unvermeidlich, auf die Idee, dieses üppige Material ließe sich in eine kausale Verbindung zur obwaltenden Unfähigkeit, dieses, unseres Land kompetenter und engagierter zu verwalten und zu regieren, zu bringen?

hugo paulus

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